Zeitlos schön: Wilcos Liebeserklärung an die Fans | 26.06. 17:55 | ProAktuell.de
08.02.2012 | 18:41 Uhr |
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Wilco haben Platz genommen.
26.06.2009 17:55
Zeitlos schön: Wilcos Liebeserklärung an die Fans

Berlin - 15 Jahre ohne Hit, ohne Hype, ohne Starallüren, ohne Skandale: Man könnte Wilco für eine Langweiler-Band halten. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Die US-Folkrocker aus Chicago lassen auf mittlerweile sieben Studio-Platten schlicht und ergreifend ihre Musik für sich sprechen - und die ist grandios. Zwischen Tradition und Experiment, berauschend schönen Melodien und gezielten Lärm-Ausbrüchen pendeln die Songs von Jeff Tweedy, dem kreativen Kopf der Gruppe. Auf «Wilco (The Album)» haben die sechs Musiker all diese Qualitäten nun auf einen Nenner gebracht. Das Ergebnis: ein zeitloses Meisterwerk von selten gehörter Eleganz als Summe ihres Schaffens.

Dabei strahlen die elf Songs des neuen Albums eine Harmonie, Lässigkeit und Spielfreude aus, wie sie nur eine absolut selbstbewusste Band hinbekommt. Gleich zum Auftakt leistet sie sich einen echten Coup und verbindet auf «Wilco (The Song)» Eigenwerbung mit einer Liebeserklärung an die Fans: Wenn die Zeiten rau werden, wenn eine starke Schulter vonnöten ist - «Wilco Will Love You», singt Tweedy im Refrain des humorvoll-aufmunternden Liedes. «Ich finde die ganze Idee sehr herzlich», sagte der Songschreiber dazu dem «Musikexpress». «Platten und Songs haben auch mich oft getröstet in Zeiten, als das nur noch sehr wenige andere Dinge vermochten.»

Damit spielt Tweedy auf eine Zeit an, in der es ihm selbst weniger gut ging als heutzutage. Jahrelang blickte er ernst, manchmal auch mürrisch in die Welt, quälte sich mit Panikattacken, Migräneanfällen und einer handfesten Tablettensucht herum. Das Ende dieser schwierigen Phase markierte 2007 das schwelgerische Pop-Album «Sky Blue Sky», das den neu hinzugekommenen Virtuosen Nels Cline (Gitarre) und Glenn Kotche (Schlagzeug) eine Bühne für ihre Kunst bot. Spätestens mit dieser Platte, die in den US-Charts bis auf Platz 4 vorstieß, verbreitete sich die Einschätzung, dass Wilco «die bedeutendste amerikanische Rockband unserer Zeit» sein könnte, wie der «Rolling Stone» schrieb.

Tweedys neue Lockerheit anno 2009 hat wohl auch mit der politischen Entwicklung in seiner Heimat zu tun. Während «Country Disappeared» noch auf das triste Amerika des George W. Bush zurückblickt, freut sich der Songschreiber inzwischen auf eine bessere Zukunft mit dem im Wahlkampf massiv unterstützten Barack Obama: «Ich fühle mich durch all das sehr ermutigt. Ich glaube, der ganzen Welt geht es so.» Zudem entstand die neue Platte zum großen Teil im sonnigen Auckland in Neuseeland statt im kühlen Chicago - ein weiterer Grund für die gelöste Stimmung, die nur mit der düsteren Mord-Fantasie «Bull Black Nova» durchbrochen wird.

Seine stärksten Momente hat «Wilco (The Album)» gleichwohl in eher melancholischen Songs. Herausragend etwa Tweedys charmantes Duett «You And I» mit der kanadischen Sängerin Leslie Feist - ein potenzieller Radio-Hit. Oder «You Never Know», mit hämmernden Klavierakkorden und amtlichem George-Harrison-Gitarrensolo eine Erinnerung an glorreiche Rockmusik-Zeiten. Die späten Beatles klingen auch am Schluss in der bewegenden Piano-Ballade «Everlasting Everything» an - laut Tweedy ein Lied mit «philosophischem Konzept, da geht´s um Vergänglichkeit».

Womöglich schafft Wilco nach langem Anlauf nun doch noch, was einer ähnlich klugen, integren Rockgruppe wie R.E.M. einst vergönnt war - den Durchbruch in den Mainstream, ohne die eigenen Ideale aufzugeben. Wenn nicht, werden es Tweedy & Co. verschmerzen können - und einfach weiter «ihr Ding» machen, als Band, die ihre Fans liebt und von ihnen zurückgeliebt wird.

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