Brüno, Horst Schlämmer und Co.: Phänomen Kunstfigur | 30.06. 09:55 | ProAktuell.de
08.02.2012 | 19:04 Uhr |
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30.06.2009 09:55
Brüno, Horst Schlämmer und Co.: Phänomen Kunstfigur

Hamburg - Dies wird der Sommer der Kunstfiguren. Gleich zwei Filme kommen bald in die Kinos, in denen «erfundene Real-Figuren» Leinwände und Lachmuskeln beanspruchen. Am 9. Juli startet zunächst «Brüno».

Darin provoziert der britische Komiker Sacha Baron Cohen (37) als «schwuchteliger», angeblich österreichischer Mode-Reporter mit mehr oder weniger versteckter Kamera Skandale. Am 20. August folgt «Horst Schlämmer - Isch kandidiere!». Darin mischt Hape Kerkeling (44) in der Figur des schmierigen Provinz-Journalisten Schlämmer («Isch hab´ Rücken»/«Weisse Bescheid») mit seiner Partei HSP die Politik auf. Das Medien-Phänomen der komischen Kunstfiguren erreicht einen neuen Höhepunkt.

«Brüno ist eine Kunstfigur. Aber die Skandale sind echt: Vom Swingerclub bis zum Dildo-Judo-Kurs», schrieb der Reporter Norbert Körzdörfer («Bild») kürzlich nach einem Treffen mit Komiker Cohen, den er lobte: «Er ist ein softer, britischer Gentleman, der uns zeigt, wie lächerlich Vorurteile sind.»

So weit, so gut - doch was hat es mit dem inzwischen so viel benutzten Begriff Kunstfigur eigentlich auf sich? «Kunstfigur» ist im Duden definiert als «erdachte Figur, Gestalt der Fantasie, die keine Entsprechung in der Wirklichkeit hat». Doch damit kommt man bei den parodistischen Figuren «Brüno» oder «Horst Schlämmer» nicht weit, wie der Autor Timo Gößler (31) weiß, der eine Diplomarbeit über das Phänomen Horst Schlämmer verfasst hat und an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) in Potsdam-Babelsberg Dramaturgie lehrt.

«Beim Frauenverachter Borat, der Modetunte Brüno oder dem taktlosen Schlämmer ist Schadenfreude legitim, weil es sich um Fiktion handelt», sagt Gößler. «Gleichzeitig aber lassen die Schöpfer ihre Konstrukte über längere Zeit in der Wirklichkeit agieren, die medial eingefangen wird.» Das mache sie «gefühlt echter» als zum Beispiel Bühnenfiguren oder Charaktere aus TV-Sketchen.

Im Fall von Brüno sei - wie schon bei Borat - die fiktive Figur bei den Dreharbeiten als Realität behauptet worden. So werde möglich, was sonst wegen politischer Korrektheit schwierig geworden sei: Reale Personen mit überzogenen Klischees zu provozieren. «Antisemiten, Rassisten, Schwulenhasser oder Sexisten fühlen sich durch die Lächerlichkeit ihres vermeintlich realen Gegenübers geschützt genug und lassen ihre Masken vor laufender Kamera fallen.»

Bei Horst Schlämmer, dem stellvertretenden Chefredakteur des erfundenen «Grevenbroicher Tagblatt», sei es etwas anders, weil die Kunstfigur früh als Schöpfung von Hape Kerkeling bekannt war. «Bei ihm ging es bislang oft um die Status-Demontage und Ironiefähigkeit von Prominenten denn um von Kerkeling alias Schlämmer nicht vorgeführt zu werden, müssen seine "Opfer" ins Spiel miteinsteigen.» Einerseits müssten sie die Figur Schlämmer ernst genug nehmen, um mit ihr zu agieren, andererseits selbstironisch genug sein, um Schlämmers geschmacklose Attacken humorvoll abzuwehren. Wer das nicht schafft, «wird in seinem Scheitern vorgeführt.»

Die überrumpelnden Vorgehensweisen der Kunstfiguren könnte man als unfair bezeichnen. Gößler aber sagt: «Sie bekommen Legitimation, weil sich die Schöpfer selbst jeder Peinlichkeit preisgeben.» Man denke etwa an Schlämmers schrecklichen Schnäuzer, Borats freizügigen Badeanzug oder an Brünos rosa Kostüm mit Strickpenis, das er vor kurzem in Berlin trug.

Die Verwirrung über Kunstfiguren - die Stadt Grevenbroich nahe Düsseldorf dachte 2006 sogar über eine Ehrenbürgerschaft für Horst Schlämmer nach - machte Hape Kerkeling übrigens bereits selbst zum Thema. Beim Deutschen Comedypreis 2006 überreichte die Komikerin Anke Engelke als Ricky, eine ihrer kongenialen Kunstfiguren, Horst Schlämmer einen Sonderpreis wohlgemerkt Horst Schlämmer, nicht Hape Kerkeling - für die Schaffung einer höchstpopulären Kunstfigur. Antwort von Schlämmer: «Ich bin keine Kunstfigur. Ich bin Horst Schlämmer aus Grevenbroich. Ich weiß, was eine Kunstfigur ist: Ein Mainzelmännchen ist eine Kunstfigur. Oder Schweinchen Dick.»

Wie auch immer: Für Hape Kerkeling hat es geradezu therapeutische Funktion, in Rollen wie die von Schlämmer oder der Schlager-Diva Uschi Blum zu schlüpfen. «In den Verkleidungen erhole ich mich von meiner Person, verabschiede mich komplett von mir», sagte er der Zeitschrift «TV Movie». «Denn ich empfinde mich manchmal als anstrengend - und nach der Rückverwandlung von Horst in Hape bin ich wieder ganz zufrieden mit mir.»