«Dutschke» beim Filmfest München uraufgeführt | 30.06. 13:55 | ProAktuell.de
05.09.2010 | 22:24 Uhr |
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Lisa Marie Janke, Emily Cox, Christoph Bach und Pasquale Aleardi (l-r) bei der Premiere des Films «Dutschke».
30.06.2009 13:55
«Dutschke» beim Filmfest München uraufgeführt

München - Es ist jetzt viele Jahrzehnte her, dass Studenten in ganz Deutschland für eine neue Gesellschaft auf die Straße gingen und dass dieser Protest irgendwann in Terror umschlug.

Auf dem Filmfest München setzen sich in diesem Jahr gleich drei Filme mit der sogenannten 68er Generation, mit APO und RAF auseinander - die meisten, die an den Filmen beteiligt waren, haben diese Zeit selbst nicht mehr erlebt.

«Die Faszination, die von Rudi Dutschke ausgegangen ist, hat sich uns am Anfang nicht so erschlossen», sagt der 1971 geborene Regisseur Stefan Krohmer, dessen Film «Dutschke» am Montagabend in München uraufgeführt wurde. «Das hat sich im Laufe der Arbeit daran dann schon geändert. Dutschke war einfach sehr glaubwürdig.»

Der halbdokumentarische Fernsehfilm kombiniert Interviews, alte Fernsehbilder und nachgestellte Szenen aus Dutschkes Leben und erzählt - auf überraschend humorvolle und amüsante Weise - die Geschichte der charismatischen Galionsfigur der 68er von 1964 bis hin zu seinem Tod am Heiligabend 1979. In den Interviews zeigen sich nicht nur die Einstellungen der Interviewten zu Dutschke und seiner Bewegung, sondern auch Rivalitäten seiner politischen Weggefährten untereinander.

«Wir wollten die Diskussions- und Streitkultur, die diese Zeit geprägt hat, in den Film aufnehmen», sagt Krohmer. «Wir wollen, dass der Zuschauer uns dabei zusieht, wie wir uns mit Hilfe von Zeitzeugen ein Bild von Rudi Dutschke machen.» Dutschke-Darsteller Christoph Bach (geboren 1975) spricht von einem «unglaublichen Dickicht an Meinungen». Die neuen Enthüllungen über den Tod des Studenten Benno Ohnesorg und den Todesschützen Karl-Heinz Kurras, der Stasi-Spitzel war, hätten aber nichts an ihrer Betrachtung der 68er-Generation geändert, sagen beide.

Neben «Dutschke» beschäftigen sich auf dem 27. Filmfest München auch zwei Kinofilme mit der 68er Generation. Der Dokumentarfilm «Die Anwälte» von Birgit Schulz beleuchtet die unterschiedlichen Karrieren der ehemaligen RAF- und APO-Anwälte Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Horst Mahler. Der Erste wurde später Innenminister, der Zweite das politische Gewissen der Grünen und der Dritte ein Vordenker der Neonazis. «Menschen sind unterschiedlich», sagte Ströbele im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Dem «Kollegen Schily» laufe er noch ab und an über den Weg, Mahler habe er seit Jahren nicht gesehen, er lege auch keinen Wert darauf.

In «Es kommt der Tag» spielt Iris Berben eine untergetauchte Ex- Terroristin, die gezwungen ist, sich ihrer Vergangenheit zu stellen, als ihre Tochter auftaucht, die sie in den 70ern zur Adoption freigegeben hat. Zu dem persönlichen Konflikt zwischen den beiden kommt ein politischer. «Die Tochter begreift zum Einen die politischen Umstände der 68er-Zeit nicht und fordert zum Anderen auf der persönlichen Ebene Reue und Sühne ein», sagt die 58-jährige Berben im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa.

«Ich dagegen habe die Figur von Anfang an verstanden, weil ich die Zeit kenne und die Wut, aus der die politische Ideologie entstanden ist». Sie sei selbst im SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) aktiv gewesen, sagt die Schauspielerin. Von den jungen Leuten von heute wünsche sie sich manchmal ein ausgeprägteres politisches Bewusstsein. «Es gibt sehr viele junge Menschen, die einen sehr starken Bezug zu ihrer Zeit und ihrer Rolle als Mitglied der Gesellschaft haben. Aber es gibt auch eben so viele, die sich in das gemachte Nest setzten und nicht mehr reflektieren, wie sich diese Gesellschaft entwickelt hat.»

Der 25 Jahre jüngere Bach hält dagegen: «Generelle Kritik an meiner angeblich "unpolitischen" Generation, wie sie immer wieder geäußert wird, halte ich für nicht schlau». Es sei dem Kapitalismus gelungen, die Kritik an sich zu vereinnahmen und sich die Ideale der 68er selbst auf die Fahnen zu schreiben. «"Selbstverwirklichung" ist ein Wort, das fast nur noch in der Arbeitswelt verwendet wird. Wir leben einfach in einer ganz anderen Welt.»

Das sieht auch Iris Berben so: «Die jungen Leute müssen in einer Gesellschaft funktionieren, die ihnen die Regeln aufgibt und in der man nicht versagen darf. Da kann ich nur froh sein, dass ich in dieser Zeit nicht groß werde. Wir hatten eine größere Spielwiese.» Und Ströbele fügt hinzu: «Ich sehe große Veränderungen, aber es ist nicht so geworden, wie wir uns das vorgestellt haben.»