Kino für den Frieden mitten im Westjordanland
Berlin/Jenin - Von außen sieht das Objekt der Hoffnung aus wie ein Betonbunker. Drinnen ragen spinnwebenbedeckte Stuhlgerippe in die Luft, Schutt liegt auf dem Boden und in dem großen Bühnenkasten, dessen schmutzigweiße Rückwand mal eine Leinwand war.
Doch schon bald sollen genau hier wieder Träume fliegen lernen: Der deutsche Filmemacher Marcus Vetter baut zusammen mit Palästinensern, Israelis und Unterstützern aus aller Welt mitten in der westjordanischen Stadt Jenin ein zerschossenes Kino als Film- und Kulturzentrum wieder auf.
Es solle ein Stück Normalität in das Leben der Menschen zurückbringen und eine Vision davon, wie Leben auch sein kann, sagt Grimme-Preisträger Vetter. Er stellte das vor Jahresfrist gestartete Projekt in dem von Israel besetzten palästinensischen Autonomiegebiet jetzt in Berlin vor.
Jenin ist nicht zum ersten Mal Thema von Vetters Arbeit: Sein mehrfach ausgezeichneter Dokumentarfilm «Das Herz von Jenin» erzählt die wahre Geschichte des Palästinensers Ismael Khateeb, dessen elfjähriger Sohn 2005 von der israelischen Armee beim Spielen erschossen wird. Der Junge kommt hirntot ins Krankenhaus, und seine Familie beschließt, die Organe israelischen Kindern zu spenden. Fünf Leben werden auf diese Weise geschenkt. Die Nachricht ging damals um die Welt, Vetter und der israelische Filmemacher Leon Geller begleiteten die Familie Khateeb mit der Kamera.
«Dieser erste Jenin-Film hat mein Leben verändert. Ich konnte danach nicht einfach zur Tagesordnung übergehen», erzählt Vetter. Und bald boten sich Anknüpfungspunkte: Ein Jahr nach dem Tod seine Sohnes Ahmad eröffnete Ismael Khateeb mit internationalen Spenden ein Zentrum für die Jugendlichen des Flüchtlingslagers, das an die Stadt grenzt und wo es nur das Nötigste zum Leben gibt, aber keinerlei Freizeitangebote. Doch die Kurzfilme, die die jungen Leute in Khateebs Cuneo Center drehten, konnten nirgends gezeigt werden. So entstand die Idee, das alte Kino im Herzen Jenins neu aufzubauen und darüber gemeinsam mit den Jugendlichen einen Film zu drehen.
In den 60er Jahren gebaut, hatte das Kino in seinen besten Tagen Hunderte von Besuchern täglich, die sich dort arabische und amerikanische B-Filme anschauten. Doch seit dem Ausbruch der ersten Intifada 1987 war damit Schluss. «Jetzt haben wir große Hoffnungen, dass ein neuer Geist in dieses Haus einzieht», sagt Vetter mit Blick auf die gemeinsamen Anstrengungen aller Beteiligten über Glaubensgrenzen hinweg - ungeachtet aller organisatorischen und diplomatischen Stolpersteine, die es zu umgehen gilt.
600 Zuschauer täglich sollen vom nächsten Frühjahr an im «Kino für den Frieden» wieder ein vielfältiges Filmprogramm - und damit einen Blick hinaus in die Welt - erleben können. Die Auswahl trifft ein Gremium aus lokalen Größen, palästinensischen und internationalen Filmemachern. Eine halbe Million Euro kostet die Renovierungsaktion, aber die Unterstützer sind zahlreich: Vom Auswärtigen Amt über das Goethe-Institut bis zur Internet-Spendenlattform «betterplace» und vielen mehr. Pink Floyd-Musiker Roger Waters war bereits dort und spendete 50 000 Euro für ein Soundsystem. Auch Leonardo DiCaprio unterstützt unser Projekt, indem er seinen Besuch angekündigt hat, sagt Vetter. Für die Jugendlichen in Khateebs Cuneo Center wäre das der Hammer.

