
Marilyn Manson beschwört das «Arma-Geddon»
Berlin - Man sollte meinen, notorische Schockrocker mit jahrelanger Erfahrung in politisch unkorrekter Provokation zögen es spätestens jenseits der 40 vor, sich auf die milderen Seiten ihres Charakters zu besinnen. Nicht so Marilyn Manson.
Das Enfant terrible der Metal-Szene bemüht sich allenthalben, den Ruf des bösen Buben durch immer neue Breitseiten in Richtung «Establishment» zu pflegen. Auch Jahre nach Auftrittsverboten in den USA und Kongressdebatten um seine Texte liebt Manson das kalkulierte Spiel mit dem Feuer. Das neue Album des rockenden Ober-Misanthropen ist der beste Beleg dafür.
«The High End of Low» heißt Mansons siebte Platte. Der Titel des 16 Stücke langen Longplayers gibt die Stoßrichtung vor: Es geht - wieder einmal - um die Manson-typische Umsetzung seelischer Abgründe und Tiefschläge in ein Gemisch aus derber Sozialkritik und hoher nihilistischer Kunst. Nach zehn Jahren Band-Abstinenz beteiligte sich auch sein alter Mitstreiter Twiggy Ramirez (Bass) an der Produktion. Keyboarder Chris Vrenna und Schlagzeuger Ginger Fish sind ebenfalls mit von der Partie.
Der Stil des Quartetts ist geprägt durch den altbewährten Mix aus Industrial Rock, Metal und Darkwave. Dennoch will Brian Hugh Warner - so der bürgerliche Name des Meisters der Finsternis - das Werk als Zäsur verstanden wissen: «Das Album klingt nach einem Abschluss, aber zugleich fast schon optimistisch - obwohl sich diese Wortwahl etwas seltsam anfühlt.»
Optimismus als Leitmotiv einer Manson-Platte? Wer als echter Fan glaubt, schlecht gehört zu haben, findet seine Befürchtungen beim ersten Durchhören der CD jedenfalls nicht bestätigt. Wie auf dem Vorgänger-Album «Eat Me, Drink Me», zu dessen Vorstellung er vor knapp zwei Jahren in eine alte Villa im Berliner Grunewald geladen hatte, gibt sich Manson auch auf «The High End of Low» als beinharter Krawallmacher mit gelegentlicher Neigung zur politischen Standpauke.
Keiner der Songs verdeutlicht das so drastisch wie die bereits am 10. April erschienene Single «We´re from America». Erneut geht Manson mit der aus seiner Sicht unerträglichen Bigotterie der religiösen Rechten in den Vereinigten Staaten ins Gericht. Klerikale Kritiker werden von den jüngsten Tiraden ihrer Lieblings-Reizfigur wenig überrascht sein. Schon zu oft hat Manson bei seinen Bühnen-Eskapaden ans Kreuz genagelte, nackte Frauen vorgeführt oder umstrittene Bibel-Passagen rezitiert.
Und auch das zweite große Skandal-Thema, mit dem Mansons Musik immer wieder in Verbindung gebracht wird, darf auf dem neuen Album nicht fehlen: die Frage, inwieweit mediale (und musikalische) Gewalt sozial ausgegrenzte Jugendliche zu tickenden Zeitbomben machen kann. «I Want to Kill You Like They Do in the Movies» nennt sich diesmal der zugehörige Beitrag: Ein Filmprojektor rattert vor sich hin, schlüpfrige Bassläufe und der gepresste Gesang lassen den Zuhörer grübeln, ob hier nur der routinierte Elternschreck oder doch der heimliche Brandstifter Manson am Werk ist. Den Vorwurf, seine Texte könnten 1999 die Attentäter des Columbine-Highschool-Massakers zu ihrer Gewalttat inspiriert haben, stritt er stets vehement ab.
Das Geheimnis, wie häufig das allseits strapazierte «F-Wort» in dem Lied «Arma-Goddamn-Motherfuckin-Geddon» vorkommt, gerät da fast zum pädagogischen Nebenkriegsschauplatz. Um bloß keine Zweifel an seiner Durchtriebenheit aufkommen zu lassen, gibt Manson am Ende der CD vorsichtshalber noch eine Zugabe: In der «Teddy Bears Remix Dirty Version» beschwören auch mitsingende Kinder sein «Arma-Geddon». Fazit: Im Showgeschäft polarisiert weiter kaum jemand so stark wie Manson.
Im Juni gastiert die Band zum Start ihrer Welttournee bei den Sommerfestivals «Rock am Ring» und «Rock im Park». Dass es bei der Live-Darbietung von «The High End of Low» krachen wird, hat Manson schon angedeutet: «Es ist ein Phönix, der aus der Asche hervorgeht, eine Wiederauferstehung und Erlösung.»
(Konzerttermine in Deutschland und Österreich: 5.6. Nürburgring/ «Rock am Ring»; 6.6. Nürnberg/«Rock im Park»; 8.6. Innsbruck/ Olympiahalle; 11.6. Dresden/«Junge Garde»)

