
Zarte Balladen und zerrender Blues von Eels
Berlin Eigentlich wollte Mark Oliver Everett wieder ein Album voller zärtlicher Lieder aufnehmen. Doch beim Blick in den Spiegel kam der Chef der US-Band Eels ins Grübeln.
«Mein wild wuchernder Bart passte irgendwie nicht zu diesen sanften Songs», erzählt Everett augenzwinkernd im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. «Also abrasieren? Doch dann dachte ich mir: Nein, warum nicht eine Platte machen, die zu meinem Bart passt.»
Das Ergebnis trägt den Titel «Hombre Lobo», und einige der typischen sensiblen Eels-Balladen haben es dann doch noch auf das Album geschafft. Daneben aber lässt der Sänger und Multi-Instrumentalist aus Los Angeles den Werwolf (spanisch: hombre lobo) von der Leine. Everett heult, raspelt und bellt sich - einem Tom Waits nicht unähnlich - durch bluesige Garagenrock-Kracher, die im reichhaltigen Eels-Gesamtwerk zwar nicht völlig neu sind, in ihrer nervenzerrenden Ruppigkeit aber doch aus dem Rahmen fallen.
Das nunmehr siebte Eels-Studioalbum (Untertitel: «12 Songs Of Desire» - 12 Lieder über die Begierde) spiegelt weniger klar als früher die persönlichen Sorgen und Nöte des 46 Jahre alten Songschreibers. «Ich habe es mehr als Charakterstudie eines Wolfsmenschen angelegt», sagt Everett. «Der Werwolf ist für mich ein Symbol für das Begehren schlechthin, für Zärtlichkeit, Schmerz und Schrecken in ihrer rauesten Form.» Songtitel wie «The Longing» oder «Fresh Blood» lassen durchblicken, wohin die gruselige Reise geht.
Gleichwohl steckt wohl gerade in Zartbitter-Balladen wie «Ordinary Man» oder «In My Dreams» wieder manch Autobiografisches. Das kennt man von Everett, dessen Band diesmal aus insgesamt nur drei Musikern bestand, die sich bei den vierwöchigen Aufnahmen ganz bewusst auf eine einzige elektrische Gitarre («eine 1965er Gibson Firebird») und wenige andere Instrumente beschränkten.
Denn Mark Oliver Everett ist nicht nur ein bei Berühmtheiten wie Tom Waits, Pete Townshend (The Who) oder Michael Stipe (R.E.M.) hoch angesehener Musiker. Er ist auch einer der großen Schmerzensmänner des Indierock. Seine Lebensgeschichte und die seiner Familie sowie die eigene Rettung durch die Kraft der Musik hat Everett in einem anrührenden Buch niedergeschrieben, das soeben auch auf Deutsch erschienen ist («Glückstage in der Hölle», Kiepenheuer & Witsch).
Der als Quantenphysiker geniale, aber unnahbare Vater; eine geliebte Schwester, die Selbstmord beging; der Krebstod der Mutter; viel zu früh gestorbene Freunde Everett hatte in seinen Liedern und zuletzt als Buchautor viel zu verarbeiten. Und er tat dies gewissermaßen als Selbsttherapie bereits auf großen Alben wie dem melancholischen Grunge-Rock-Debüt «Beautiful Freak» (1996), dem todtraurigen «Electro-Shock Blues» (1998), dem heiter-luftigen «Daisies Of The Galaxy» (2000) oder dem Opus Magnum «Blinking Lights» (2005) mit seinen 33 (!) makellosen Songs.
Auch nach dem mehr als soliden «Hombre Lobo» will Everett kein berechenbarer, nach Trends schielender Künstler werden. «Ich bin zufrieden mit meinem Platz im Business», sagt er. «Ich kann als Musiker machen, was und mit wem ich will. Ich bin ja nicht gegen den Erfolg, aber ich jage ihm auch nicht krampfhaft nach.» Neue künstlerische Herausforderungen interessieren den Eigenbrötler mehr als kommerziell ausgerichtete Kooperationen. Nur bei einem Anrufer würde er wirklich schwach werden: «Wenn Bob Dylan an der Strippe wäre, könnte ich nicht Nein sagen.»

