Im Wirbel der Formen: Nijinsky-Schau in Hamburg | 19.05. 15:40 | ProAktuell.de
08.02.2012 | 00:28 Uhr |
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John Neumeier erklärt ein undatiertes Bild von "Jaques-Emili Blanche" mit dem Titel "Nijinsky in den Wellen".
19.05.2009 15:40
Im Wirbel der Formen: Nijinsky-Schau in Hamburg

Hamburg - Konzentrische Kreise und schwungvolle Bögen, präzise Ellipsen und wirbelnde Spiralen, ein Saal voller Dynamik - und im Zentrum der «Gott des Tanzes».

Den legendären Tänzer und Choreographen Waslaw Nijinsky präsentiert die Hamburger Kunsthalle seit Dienstag in ihrer Ausstellung «Tanz der Farben - Nijinskys Auge und die Abstraktion» erstmals als bildenden Künstler im Vergleich zur russischen Maler-Avantgarde in Paris um 1910. Anlass für diese weltweit erste umfassende Schau mit Bildern des russischen Ausnahmetänzers aus der Sammlung von Hamburgs Ballettchef John Neumeier ist das 100. Jubiläum des Ensembles Ballets Russes, dessen Star Nijinsky (zwischen 1888 und 1890 - 1950) war.

Nijinskys nahezu vollständiges zeichnerisches Werk, das zwischen 1917 und 1919 entstand, bevor die Ärzte bei dem Tanzgenie Schizophrenie diagnostizierten, ist in der Mitte des großen Saals auf bogenförmigen Pulten und an Stellwänden zu bewundern. Den rund 100 Arbeiten des Tänzers hat der Direktor der Kunsthalle, Prof. Hubertus Gaßner, an den Seiten Werke von fünf aus Osteuropa stammenden und zwischen 1910 und 1930 in Paris lebenden Künstlern gegenübergestellt: Es sind die Russen Wladimir Baranow-Rossiné, Sonia Delaunay-Terk, Alexandra Exter und Léopold Survage sowie der Tscheche Frantisek Kupka, der mit Wassily Kandinsky, Kasimir Malewitsch und Piet Mondrian die abstrakte Kunst begründete.

Für all diese Künstler, die zum Teil auch für die Bühne arbeiteten, war der Tanz eine ganz wesentliche Quelle ihres Schaffens. Ihre Bilder sind geprägt von rhythmisch strukturierten Flächen, von schwungvollen Linien, kunstvollen Spielen mit Licht, von Kreissegmenten, Arabesken und konzentrischen Ringen. Unübersehbar sind die strukturellen Parallelen zu Nijinskys Arbeiten auf Papier. Gaßner ist überzeugt: «Nijinskys Zeichnungen sind keine nebensächlichen Fingerübungen oder gar Ausdruck einer Geisteskrankheit. Das sind serielle Kunstwerke voll handwerklichen Könnens, thematisch durchkomponiert und mit Sinn für Variationen.»

Nijinskys Bilder, die sonst als Teil eines künftigen Museums in Neumeiers Villa hängen, sind überwiegend Zeichnungen mit Bleistift oder roten und blauen Wachsstiften. Mit freier Hand, ohne Hilfsmaterial, hat er aus kreisenden Bewegungen des Arms oder der Hand heraus komplizierte, rhythmisierte und oft reliefartig übereinandergelegte, sich durchdringende Kreisformen geschaffen. Im Zentrum steht meist eine Art Auge. Nur ganz selten findet sich Figürliches. Fast unheimlich wirkt die Serie mit schwarz-weiß-roten maskenartigen Darstellungen.

Für Neumeier gibt es Parallelen zwischen dem neuartigen Formenvokabular der Kunst jener Zeit und Nijinskys Neuerungen für die Ballettchoreographie, die sich auch in seinen Bildern widerspiegeln: «Alles geht in Richtung einer Reduktion, Konzentration auf das Wesentliche, weg vom Detail und dem Dekorativen.» Und so ist Nijinskys eigener Blick von innen auf die Welt, der in seinen Zeichnungen deutlich wird, für Neumeier wesentlich moderner, als der Blick, den Künstler seiner Zeit auf ihn hatten. «Das ist ein richtiger Bruch: Die auf Nijinsky gerichteten Augen sind viel konventioneller und in ihrer Zeit des Jugendstils und Neoklassizismus verhaftet», meint der Ballettchef.

Ein eigenes Bild davon können sich die Zuschauer in einer weiteren Abteilung der Ausstellung machen. Sie präsentiert Arbeiten bekannter Künstler, die sich dem Phänomen Nijinsky auf ihre Art genähert haben. Die Exponate stammen ebenfalls aus der Sammlung Neumeiers und sind wahre Kostbarkeiten: Zeichnungen von Jean Cocteau und Gustav Klimt, Fotografien von Eugène Druet und eine Bronze von Una Troubridge gehören dazu - Mosaiksteine zur Rekonstruktion einer historischen Persönlichkeit, von der es keine Filmaufnahmen gibt. Doch das Geheimnis seiner oft beschriebenen Aura können wohl weder sie noch die Zeichnungen Nijinskys selber wirklich lüften: «Wie viele der Eintragungen in seinem Tagebuch bleiben sie rätselhaft, Spiegelung einer geheimnisvollen Innenwelt», sagt Nijinsky-Kenner Neumeier.

Die Ausstellung ist eine Zusammenarbeit mit der Stiftung John Neumeier, zeigt Leihgaben aus New York, Paris, London und Prag und wird bis zum 16. August ausschließlich in Hamburg zu sehen sein.

 http://www.hamburger-kunsthalle.de