«Schwanen.See» ohne Schwäne in Trier uraufgeführt | 09.03. 12:07 | ProAktuell.de
08.02.2012 | 18:42 Uhr |
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René Klötzer als Prinz Siegfried bei einer Probe von Schwanen.See am Theater Trier.
09.03.2009 12:07
«Schwanen.See» ohne Schwäne in Trier uraufgeführt

Trier - Siegfried will nicht dazu gehören. Die Welt der Häppchen und Sektchen, des Small Talks und des ewigen Feierns ist ihm zuwider. Die durchgestylten und stets gut gelaunten Freunde seiner Mutter empfindet er als oberflächlich, emotionslos, leer.

Siegfried sehnt sich nach mehr: Er sucht nach der wahren treuen Liebe. Mit dem Tanzstück «Schwanen.See» ist am Sonntagabend in Trier eine moderne Version des Ballettklassikers gefeiert worden. Tanztheaterdirektor Sven Grützmacher überzeugte mit einer zeitkritischen Inszenierung des Ballett-Märchens aus heutiger Sicht: Er platzierte es in eine Gesellschaft, die von Tempo und menschlicher Kälte geprägt ist. Das Stück, von Grützmacher als Uraufführung bezeichnet, wurde im Theater Trier mit ausgiebigem und heftigem Beifall belohnt.

In der Tat ist bei «Schwanen.See» Einiges anders als beim klassischen «Schwanensee»: So hat Protagonist Siegfried (René Klötzer) auch einen Vater. Dieser sei «dramaturgisch wichtig», da Siegfried in ihm «einen Menschen erkenne, der auch Träume hatte, auch wenn er nicht die Kraft hatte, sie zu leben», sagte Grützmacher. Zudem erscheint an der Seite der feiersüchtigen Mutter mit der Figur des «Rotbart» kein Premierminister, sondern ein glatzköpfiger «Guru», der die Party-Gesellschaft anführt. Statt weißer Schwäne gibt es in dem Stück weiße Wesen. Und außerdem ein glückliches Ende.

Klassiker wie «Schwanensee» müssten heute «übersetzt» werden, sagte Grützmacher, der in seiner Tanzkarriere bereits dreimal in dem Stück getanzt hat. «Mir würde niemand mehr abnehmen, wenn ein Prinz in weißer Strumpfhose mit Armbrust auf den Schwan zielt.» Auch bei der Musik hat Grützmacher Veränderungen vorgenommen. Im zweiten Teil spielt das Philharmonische Orchester der Stadt Trier zwar auch Peter Tschaikowsky, aber die 6. Symphonie (Pathétique). «Die hat eine immense Substanz - ohne Stilbruch zu sein», meinte der Choreograf.

Ausdrucksstark sind auch die Bilder und Motive, mit denen der gebürtige Berliner arbeitet. So hängen in der größten Verzweiflung Siegfrieds, in der er sich in seine Innenwelt zurückzieht, riesige blutrote Kapillaren über der Bühne. Rot sind auch die Blüten, die der ganz in weiß gekleidete Siegfried in den Händen hält, wenn er an seine Liebe «Odette» (Susanne Wessel) denkt. Und schwarze, schicke Abendkleider trägt die feine Gesellschaft von Siegfrieds Mutter.

Auch das Bühnenbild unterstreicht die kritische Inszenierung: Bei einem Ausschnitt aus Caspar David Friedrichs «Das Eismeer» - mit Beinamen «Die gescheiterte Hoffnung» - steht die eisglatte, kalte Oberfläche eines Eisbergs spiegelbildlich für emotionslose Menschen. Erst am Ende, als Siegfried seine Liebe gefunden hat, spaltet sich der Eisberg und gibt den Liebenden den Weg frei in eine neue Zukunft.

«Schwanen.See» ist das achte Stück Grützmachers in Trier. Seit seinem Start als Ballettdirektor vor dreieinhalb Jahren hat er sich immer wieder erfolgreich mit emotionalen Themen beschäftigt, etwa in «Schmetterlingssonaten», «Kozmic Blues» oder «Judas». Zuvor hat er unter anderem als Mitglied des Ballettensembles der Komischen Oper Berlin getanzt und am Staatstheater Saarbrücken als stellvertretender Ballettdirektor gearbeitet.